Erfahrungsbericht von der Mitarbeit im Flüchtlingsprojekt in Ragusa

Karin Reinmüller aus der Schweiz hat im Sommer 2015 beim Flüchtlingsprojekt in Ragusa mitgearbeitet. Sie stellt uns gerne den Erfahrungsbericht zur Verfügung, den sie für Infobrief der Schweizer GCL geschrieben hat.

Afrika in Sizilien

Am Ende haben wir gemeinsam Gottesdienst gefeiert – Muslime zusammen mit Christen, die zum Teil vor muslimischer Verfolgung geflohen waren, Flüchtlinge, Angestellte und Freiwillige im Hof des Flüchtlingszentrums. Haben zusammen gebetet, gesungen und gefeiert – so etwas werde ich vielleicht nie wieder erleben.

Knapp drei Wochen vorher waren wir angekommen, in Ragusa im Süden Siziliens – zehn junge Leute aus Spanien, Portugal, Italien und ich als „guide“, die für den spirituellen Teil zuständig war. Die GCL hat dort seit Anfang Juli ein Flüchtlingsprojekt mit Freiwilligen. Wir konnten im Haus der Jesuiten dort wohnen und bei einer lokalen Organisation mitarbeiten. In den ersten Tagen wurden wir vertraut gemacht mit den Flüchtlingszentren, zwei für Männer, ein kleineres für Frauen und Kinder, und mit der Situation der Menschen dort. Fast alle aus Afrika – Nigeria, Gambia, Senegal… die meisten im Asylverfahren, einige haben schon eine Aufenthaltserlaubnis. Ab dem Nachmittag des zweiten Tags dann als feste kleine Gruppe in einem der Zentren.

Wir sind sehr frei darin, was wir mit den Flüchtlingen machen möchten. Ich bin nach einigen Tagen vorwiegend Lehrerin, nachdem ich gemerkt habe, dass viele Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben, Rechnen haben. Die Flüchtlinge nennen mich „Mama“, ein Ehrentitel, weil ich älter bin als sie. Die drei SpanierInnen in meiner Gruppe machen Kreatives, bauen mit den wenigen Mitteln zusammen mit den Flüchtlingen Nützliches. Wir machen gemeinsam Musik und nach und nach lernen wir uns kennen. Manche erzählen uns ihre Geschichte: Von einem, der in seinem Dorf zum Wasserholen ging, als er zurück kam fand er seine ganze Familie ermordet. Von einem mit einer Knieverletzung, weil er entführt worden und aus dem fahrenden Auto gesprungen ist – er fand das nicht weiter bedeutsam. Von Libyen, immer wieder, wo schwarze Menschen verprügelt werden, im Gefängnis in der Hitze ohne Wasser festgehalten, manchmal umgebracht werden. Und vom Boot, auf dem alle beten, Christen und Muslime, einer erzählt uns dass sie noch auf dem Wasser beschossen wurden.

Wir lernen, die Realität zu sehen: Der Junge, der gern etwas grossspurig auftritt und erklärt, er sei Offizier, sagt vermutlich die Wahrheit, vielleicht hat er Menschen getötet. Ein 16-Jähriger sollte eigentlich in einem Programm für unbegleitete Minderjährige sein, aber er hat sich bei der Ankunft im Hafen für 18 ausgegeben und jetzt macht die Bürokratie eine Änderung schwierig. Einige sind offensichtlich traumatisiert, alle leiden unter den engen Lebensumständen ohne Privatsphäre, unter der Ungewissheit des Wartens auf ihren Asylentscheid, unter dem Nichts tun können. Da führen Kleinigkeiten zu lautstarken, manchmal aggressiven Diskussionen.

Abends kommen wir alle zurück aus den Zentren. Die SpanierInnen kochen singend, die Portugiesinnen machen ein Gericht mit getrocknetem Fisch, ich versuche mich an Rösti. Wir lachen viel beim Essen. Und dann Austauschrunde, wo wir miteinander das Schöne und das Schwierige vom Tag teilen. Eine Italienerin sagt „I don’t want to spare myself“ – Ich will mich nicht schonen, nicht zurückhalten in diesen Wochen. Ein Katalane bringt uns ein Gebet seines Landsmanns Luis Espinal (eines Jesuiten, der in Bolivien ermordet wurde): „Wir haben nur Sinn wenn wir brennen – befreie uns von der feigen Vorsicht, die uns Opfer vermeiden und Sicherheit suchen lässt“. Die Gruppe wächst eng zusammen, auch durch Konflikte und dadurch, dass wir wohl alle an unsere Grenzen kommen – und dann einen Schritt weiter gehen.

Am Ende fällt der Abschied schwer. Flüchtlinge sind unsere Freunde geworden, wir verspechen einander, füreinander zu beten. Am Wochenende ist Übergangszeit der Gruppen – die ersten von unserer Runde fahren, die ersten der neuen Gruppe kommen an. Wir fahren zusammen nochmal an den Strand – körperlich müde, spirituell wach, und glücklich.

Das Projekt „At the frontiers with asylum seekers“ in Ragusa läuft bis mindestens Anfang Januar 2016. Es können sich noch Freiwillige für eine der dreiwöchigen Runden melden, Infos gibt es unter http://www.clc-europe.org/d_projects/ragusa.html#turns . Die Freiwilligen sind in der Mehrzahl junge Erwachsene, aber auch Ältere sind immer wieder dabei. Es ist auch möglich, sich als „guide“ zu melden und die Leitung von Morgenimpuls und Abendaustausch zu übernehmen. Und Spenden sind natürlich ebenfalls gern gesehen – der Beitrag, den die Freiwilligen leisten, ist nicht ganz kostendeckend. Angaben zur Bankverbindung finden sich auf der oben genannten Webseite.

Ragusa

Ein Gedanke zu „Erfahrungsbericht von der Mitarbeit im Flüchtlingsprojekt in Ragusa

  1. Vielen Dank, Karin, für Deinen lebendigen Bericht, mit dem Du uns an Deinen hautnahen und unter die Haut gehenden Eindrücken teilhaben lässt! Liebe Grüße, Silvia – von Deiner Ex-Mosaik-Gruppe in München

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