Du kennst mich – kleiner Impuls in der Fastenzeit

Am 19. Januar 1972 schrieb Fridolin Stier einen Dialog zu Psalm 139, den ich gestern entdeckt habe und einfach teilen möchte. Am Ende ist die Rede davon, was Gott zu Herzen geht, ihm, dem Barmherzigen. Diese Geschichte kann einen schlagartig zum Umkehren bewegen. Umkehren, sich ansehen lassen, aushalten und die „Lästerungen enttäuschter Liebe“ verlieren ihre Notwendigkeit.

Als er kam, erkannte ich ihn nicht. Unangeklopft war er hereingekommen, leise, stand hinter mir. Ich saß mit dem Rücken zur Tür, er muss schon ein Weilchen, weiß Gott wie lange schon, hinter mir gestanden haben, als ich Anwesenheit spürte, wie es mir des öfteren passiert (es ist unheimlich).
Ich drehte den Kopf und da war er, ein gänzlich Unbekannter, der mir doch irgendwie bekannt vorkam. Ich meine, ich hätte Bilder von ihm gesehen, vielleicht lagen gar noch welche in der Schreibtischschublade, aber nein, er glich deren keinem. Er sah mich nur an, schweigend starrten wir uns an, ich weiß nicht wie lange, vielleicht nur Sekunden. „Nun?“, sagte ich endlich, „ich glaube nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind.“
„Nein!“ „Mein Name ist Gott“, sagte der Fremde. „Na, dann, Guten Tag Herr Gott! Sind sie gewiss der einzige dieses Namens, ich meinte, er sei für einen anderen, nämlich für einen ganz anderen (wie manche Experten behaupten) reserviert.“ Darauf sagte er: „Sie haben recht – der Einzige und der Andere bin ich. Und wir sind uns schon unzählige Male begegnet, vielleicht unter anderen Namen, die Sie mir, dem Begegnenden geben. Und heute, auf dem Friedhof und auf dem Rückweg haben Sie mich gerufen.“
„Gerufen?“ „Ja, gelästert haben Sie mich! … Sie wissen wohl nicht, wie sehr mir die Lästerungen enttäuschter Liebe zu Herzen gehen?“ Sprachs und ließ mich verdattert sitzen.

Zu finden in: Stier, Fridolin: Mit Psalmen beten, Stuttgart 2001, 1. Auflage